| FINGER UND LIEB
Zwei Greizer Höhlenbewohner und
ihr unrühmliches Ende
Von Rudolf Schramm
Ein beliebter Sonntagsspaziergang der Greizer
um die Jahrhundertwende war eine Wanderung durch das romantische untere
Göltzschtal zwischen Greiz und Mylau. Zu dieser Zeit verband die beiden
Städte noch keine Talstraße.
Auch heute noch meidet der Spaziergänger
die kurvenreiche, ziemlich schmale Straße und bevorzugt den schon
seit alten Zeiten viel begangenen bequemen Talpfad durch waldiges Hanggelände
mit seinem reizvollen Ausblicken auf das jenseitige bewaldete Göltzschufer
mit seinen Felsklippen, auf Fluß und Talaue. Der rüstige Wanderer
wählte den etwas mühsamen aber schattigen Waldpfad auf dem rechten
Göltzschhang, den Köhlersteig, mit seinen an Ausblicken reichen
Felsenkanzeln.
Kurz vor der Papierfabrik erklomm ein
schmaler, heute leider verfallener Felspfad, der so genannte Julienstieg,
die Höhe und führte auf felsigem Hang nach dem "Hohenstein",
jenem gewaltigen Felsmassiv, dessen schroff abfallende fast 80 m hohe Prallwand
sich als mächtige Felskulisse hinter der Papierfabrik erhebt.
Von hier ab folgte der Wanderer hoch über
dem rechten Göltzschufer dem Köhlersteig, talauf, talab, so manches
Seitentälchen von der Irchwitz - Reinsdorfer Flur überquerend.
Auch dieser einst gern begangene Wanderweg ist durch Verwachsungen, Abrutsche
und fehlende Sicherungen seit dem Kriege leider kaum noch begehbar und
harrt seiner Wiederherstellung. Gewaltige aussichtsreiche Felspartien,
wie die " Köhlerspitze", verleihen diesem reizvollen Wanderpfad ein
hochromantisches Gepräge.
Dieses an landschaftlichen Reizen reiche
Gelände um den "Hohenstein" wählte sich vor wenig mehr als einem
halben Jahrhundert ein sonderbares Freundepaar als Wohngebiet. Hier spielte
sich ihr Leben jahrelang, gleich dem Menschen der Urzeit, unter primitivsten
Verhältnissen in Felsenhöhlen ab und trug den beiden Sonderlingen
als Greizer Höhlenbewohnern den zweifelhaften Ruf einer lokalen "
Berühmtheit" ein. Der älteren Greizer Generation sind diese beiden
Eigenbrötler bekannt unter dem Namen "Lieb und Finger" . Mit ihren
bürgerlichen Namen hießen sie Flach und Fretzschner. Der ältere
von beiden, Johann Gottlieb Flach, kurz " Lieb" genannt, war von großer
und schlanker Gestalt, Weber von Beruf und am 16.Dezember 1843 in Arnsgrün
geboren. Sein Kumpan Johann Heinrich Fretzschner, genannt " Finger" wegen
seines übergroßen Zeigefingers, war von kleiner, gedrungener,
etwas korpulenter Statur. Er stammte aus Cossengrün und erblickte
dort 1850 das Licht der Welt. Er hinkte seit einem Unfall, den er als Steinbrucharbeiter
in den Rentzschmühler Grünsteinbrüchen erlitten hatte.
Wie bereits erwähnt, war ihr Wohngebiet
die Gegend um den Fluß des auf Irchwitzer Flur gelegenen "Hohensteins"
oberhalb der Papierfabrik, zeitweise auch der damals noch dicht bewaldete
Hang auf dem linken Göltzschufer. Hier waren jene beiden glücklichen
Bewohner mehrere heute nicht mehr zugängiger Höhlen. Ihr Hauptsitz
aber war eine im Felsmassiv des"Hohensteins" vorgefundene Felsenhöhle.
Eigentlich war es mehr ein überhängender Felsen, der ihnen vor
den Unbilden der Witterung Schutz bot. Dieses "Wohnidyll" der beiden Jünger
von "Mutter Grün" war jahrelang das Ziel vieler Greizer und Mylauer
Sonntagsausflügler, ja ganzer Vereine aus der näheren Umgebung.
Einen Teil ihres mehr als bescheidenen Lebensunterhalts bestritten die
beiden sonderbaren Käuze aus dem Erlös des Verkaufs von Ansichtskarten
von ihren Höhlen, die ihnen an Sonntagen geradezu abgejagt wurden.
Ein solches Lichtbild zeigt die beiden Naturjünger vor ihrer Wohnhöhle
sitzend, wie sie sich auf einer notdürftig aus Steinen errichteten
Kochstelle in alten Bratheringsbüchsen und Konservendosen ihr Essen
bereiteten. Ihr Leibgericht war Katzenbraten mit Reis. Auch Hundebraten
zählte zu ihren sonntäglichen Leckerbissen. Vor den Nachstellungen
dieser Spezialisten der Feinschmeckerei soll damals keine Katze und kein
Hund in Irchwitz und der Greizer Neustadt sicher gewesen sein. In einem
stets mitgeführten Sack ließen sie ihre Beute verschwinden.
Wochentags konnte man die beiden oft auf den Treppenstufen der Neustadthäuser
sitzend antreffen, wo sie nach Verrichten von allerlei Gelegenheitsarbeiten
ein von Hausbewohnern gereichtes Mittagessen einnahmen. Ihrem Erwerb als
Gelegenheitsarbeiter ging jeder getrennt nach. Meist warteten sie vor dem
damaligen Kaufladen von I. S. Kother (heute Wismut HO, Ecke Brauhausgasse
- Puschkinplatz ) auf die vorüberfahrenden Kohlewagen, denen sie bis
vor die Haustüre folgten. Hier boten sie sich der Hausfrau als willkommene
Helfer an. Da die beiden harmloser Natur waren, erfreuten sie sich bei
ihrer " Stammkundschaft" als willige "Stütze der Hausfrau" allgemeiner
Beliebtheit.
Zur Ehre ihrer Zunft muß gesagt
werden, dass sie ihre bescheidenen Einkünfte weder durch Betteln noch
durch Diebstahl aufzubessern versuchten, auch keinem ihrer Mitmenschen
jemals ein Leid zufügten. Nur ein Schatten fiel auf den scheinbar
so reinen Tugendschild ihres Landstreicherdaseins; der Schnaps war ihnen,
wie allen ihrer Zunftgenossen, der Inbegriff höchsten Lebensgenusses,
dem sie in jeder Menge frönten.
Oft erschienen die Frühaufsteher
im nahen Irchwitz schon frühmorgens ½ 5 Uhr vor dem Knollschen
Laden, trommelten den Ladeninhaber aus tiefstem Schlaf und genossen hier
ihren "Morgentrunk" in Gestalt eines Faustpinsels " Nordhäuser" für
einen Groschen. Ein geräucherten Hering für das gleiche Geld
sorgte für neuen Durst, den mit Bier zu löschen sie unter ihrer
Würde hielten.
Dem Besucher dieses Göltzschtalidylls
bot sich besonders sonntags, wenn die beiden "zu Hause" waren, ein interessanter
Einblick in ihre steinzeitlich anmutende " Wohnkultur" Der einzige "Komfort"
ihres "Eigenheims" bestand aus einigen Bildern an der Höhlenwand,
wenigen von Besuchern gespendeten Töpfen, aus denen sie "speisten"
und zwei nach Art von Holzpritschen gezimmerten Gestellen, die ihnen als
Schlafgelegenheit dienten. Ein seitlich vom Höhleneingang als "Vorgärtchen"
gedachtes Blumenbeet stand unter "Liebs" Pflege und dürfte als eine
Spur von Ästhetik dieser Jünger von Mutter Natur zu deuten sein.
Das Aufräumen und Aufwaschen ihres vielseitig verwendeten "Küchengeschirrs"
war nicht ihr Fall. Wenn sie - selten im Jahr - am nahen Göltzschufer
großen Waschtag hatten, dann konnte man allerlei wunderliche Seltsamkeiten
von Unterwäsche listig im Winde flattern sehen. Trotz der nahen Wasch
- und Badegelegenheit - "fließend Wasser" vor dem Hause - betrachteten
sie das Waschen als lästigen Luxus.
Der Winter mit Eis und Frost bereitete
freilich alljährlich dem sorglosen Leben einige Monate ein Ende. Er
zwang die beiden Naturmenschen, die laubgepolsterte Holzpritsche ihrer
kalten Wohnhöhle mit einem warmen Winkel im Kesselhaus der damals
noch bestehenden alten Papiermühle zu vertauschen, den ihnen der Heizer
auf Anweisung einer mitleidigen Seele einräumte.
Dieses Dahinleben fand mit dem Wechsel
in der Besetzung der Gendarmeriestation Irchwitz und Kurtschau ein jähes
Ende. Der Irchwitzer Gendarm Weise, den die beiden ihren " Hauswirt" nannten,
wurde nach Kurtschau versetzt. An seine Stelle trat der bei der Zunft der
Zigeuner und Landstreicher gefürchtete Gendarm Ackermann. Von Weise
auf den "Hauswirtschaftswechsel" aufmerksam gemacht, beschlossen "Lieb
und Finger", dem ungastlichen Reuß ä. L. den Rücken zu
kehren und über der Göltzsch auf sächsischem Gebiet in Kleingeraer
Rittergutsflur ein neues Quartier zu beziehen. Hier richteten sich die
beiden " Emigranten" gegenüber der Papierfabrik unter einem weit vorspringenden
Stein ihr neues Domizil für die wärmere Jahreszeit ein. Sie kamen
jedoch vom Regen in die Traufe. Der Kleingeraer Förster, dem die unangemeldeten
"Mieter" in seinem Revier nicht behagten, reagierte sauer und benachrichtigte
den Elsterberger Gendarm. Da die beiden "Ausländer" keinerlei "Zuzugsgenehmigung"
vorweisen konnten, bekamen sie Gelegenheit, einige Tage hinter schwedischen
Gardinen über ihren Formfehler nachzudenken. In Sachsen verstieß
nämlich damals jegliches Nächtigen im Freien gegen das Gesetz.
Nach ihrer Entlassung verließen sie schleunigst wieder das so ungastliche
Land der Sachsen und kehrten wieder zurück in ihre alte Wohnhöhle
am Ufer der Göltzsch, wartend der Dinge, die da kommen sollten.
Doch es ereignete sich überraschenderweise
nichts. Der neue gestrenge Hüter für Ordnung und Sicherheit drückte
beide Augen zu und ließ die beiden wunderlichen Alten unbehelligt.
Wahrscheinlich hatte er von seinem Vorgänger Kunde erhalten, dass
es unklug wäre, sich die Sympathie der beiden zu verscherzen. Sie
zählen nämlich zur Stammkundschaft einiger zu dieser Zeit in
Greiz noch bestehenden Schnapsläden. Hier pflegten sich die Fechtbrüder
der "Gesellschaft der Freunde der gemachten Arbeit" ein Stelldichein zu
geben ,um ihre Bettelpfennige in billigen Fusel umzusetzen. Nur zu oft
mag "Lieb" hier hinter das Geheimnis manches gelungenen Gaunertricks seiner
Zunftbrüder gekommen sein, auch Kenntnis von einem erst geplanten
"Dreh" erlangt haben. Das Ergebnis seiner Bespitzelung teilte er dann seinem
zuständigen Hüter für Ordnung mit, der sich für den
geleisteten Spitzeldienst mit milder Nachsicht erkenntlich zeigte. Manchmal
lockte "Lieb" auch den Ahnungslosen in seine Höhlenbehausung zum Nächtigen
hinein, wo ihn der heimlich benachrichtigte Gendarm nur festzunehmen brauchte.
Wahrlich, ein seltenes Beispiel von vertrauensvoller Zusammenarbeit zwischen
Obrigkeit und Vagabundentum!
Einmal forderte auch St. Bürokratismus,
dass jene beiden nach Art gesitteter Staatsbürger für eine Nacht
unter einem richtigen Dach zu schlafen hatten. Als einmal Volkszählung
im Lande war, fiel das wachsame Auge des Gesetzes auch auf die beiden Wohnungslosen,
und der lange Arm der Gerechtigkeit scheuchte sie aus ihrer beschaulichen
Ruhe. Die Volkszählungsformulare forderten von jedem Bürger genau
Angaben über Straße und Hausnummer. Da aber "Mutter Grün"
über kein Wohnungs- und Straßenverzeichnis verfügte, traf
ein Weiser im Greizer Rathaus einen wahrhaft salomonischen Entscheid: man
steckte die beiden am Tag der Volkszählung einfach für eine Nacht
ins Kittchen, zählte sie als Häftlinge und schenkte ihnen am
nächsten Tag wieder die goldene Freiheit. Damit war dem Gesetz Genüge
getan.
Einmal hatten Lieb und Finger ausgekundschaftet,
dass man einen im Greizer Marstall verendeten Gaul nach Heinrichsgrün
geschafft und dort unter dem Schnee vergraben hatte. Er sollte dem Förster
als Futter für die Füchse dienen. Mit noch einigen Kollegen ihrer
Zunft, dem "Quark" dem "Ochs", dem "Leingbatt" und dem "Sauuhr", vier Greizer
Originalen, machten sie sich auf die Suche nach dem Riesenbraten. Sie liehen
sich eines Sonntagmorgens einen breiten Zimmermannsschlitten und beluden
ihn an Ort und Stelle mit dem gefrorenen Tierkadaver, dem schon Kopf und
Beine fehlten. Gut mit Reisig getarnt ging die Fuhre durch die Stadt, immer
auf der Hut vor dem wachsamen "Auge des Gesetzes". Im hinteren Teil ihrer
Wohnhöhle gruben sie ein tiefes Loch. Es diente ihnen als " Pökelfaß".
Der Tierrumpf wurde nun zerlegt und Stück für Stück gut
mit Salz gepökelt, und nun füllte sich Schicht um Schicht das
famose "Pökelfaß". Ihr Fleischvorrat für den täglichen
Bedarf war damit auf Wochen gesichert.
Für die sechs scheinen aber diese
Tage lukullischen Schwelgens keine Zeit ungetrübter Tafelfreuden gewesen
zu sein. Einer ihrer Kollegen, der Quark", segnete bald darauf als Folge
dieser " Pferdekur" das Zeitliche. Es wird erzählt, seine Komplicen
hätten ihm die letzte Ehre erwiesen, indem sie seine Leiche an einem
bitterkalten Wintertag über Irchwitz nach dem Reinsdorfer Friedhof
trugen. Vor dem Irchwitzer Gasthof machten die Sargträger nach geheimer
Verabredung halt, setzten den Sarg - die Finger steif vor Kälte -
mitten auf die Straße und seufzten: "Mir kenne net weiter! Mir lässen
`ne hier stieh." Das beobachtete hinter den Fensterscheiben der Gaststube
die den Sargträgern als gutherzige Seele bekannte Wirtin, die alte
Gnaucks Marianne. Sie eilte vor die Haustür und fragte bestürzt:
" Was is denn, ihr Leit'? Wann bringt`r denn do?" - "Ne Quark", war die
lapidare Antwort, "ower mir lässen `ne hier stieh, Hadschee !" und
machten Miene, sich wieder auf den Rückweg zu begeben. "Nu, ihr guten
Leit`, des gett doch net", jammerte die Wirtin, "wos kennt ich eich den
gaam?" - " E gruße Flasch `Nordheiser!" kam die Antwort der Fünf
wie aus einem Munde. "Die sellt ihr krieng", rief die Wirtin erleichtert,
"trinkt eich warm, un schafft m`r när eiern ,Quark` fort." Nachdem
sie sich gestärkt hatten, nahmen sie den Sarg wieder auf und stampften
durch den Schnee davon.
Die wohl allen Vagabunden eigene Vorliebe
für einen Schluck " Echten Gräzer" aus Nordhausen nahm bei den
beiden Unbehausten bald maßlose Formen an. Als "Lieb" wieder einmal
zu viel des Guten getrunken hatte, kam er auf dem nächtlichen Nachhauseweg
zu Fall und stürzte den steilen Göltzschhang hinab. Dabei riß
er sich ein Ohr ab. Er begab sich in Selbstbehandlung und erreichte durch
seine Dr.Eisenbart - Kur, dass er sich einer Operation unterziehen mußte,
von der er nie wieder genas. Im Arbeitshaus zu Altensalz beschloß
er am 15.Januar 1904 sein Leben.
Sein Komplice überlebte ihn kaum
ein Jahr. Am Morgen des 03.Januar 1905, nach einer bitterkalten Nacht,
fand man " Finger" am Hainberg erfroren auf.
Seine Ruhestätte soll er neben seiner
Höhle gefunden haben. (?)
Wenn diese beiden "berühmten" Greizer
Originale auch nicht wert sind, als bemerkenswerte Persönlichkeiten
der Heimat der Nachwelt überliefert zu werden, so verdienen sie es
doch, als abschreckendes Beispiel eines verfehlten Lebens gezeigt zu werden.
Diese auf der Schattenseite des Lebens Wandelnden lebten schließlich
in einer Zeit, die sich mitschuldig machte an dem Schicksal solcher Menschen,
indem ihre Gesellschaft es nicht verstand, sozialen Probleme ihrer Epoche
zu lösen.
Aus dem Greizer Heimat
- Kalender 1958,
Verfasser Rudolf Schramm
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