60 Kilometer grenzüberschreitend wandern
Auf dem Anton-Günther-Weg

Der Friedhof von Gottesgab (Bozi Dar)

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© Wolfgang Trommer ZUR HAUPTSEITE GÜNTHERWEG                 WEITERBLÄTTERN GÜNTHERWEG                        HÖLLE VON JOACHIMSTHAL / JACHYMOV .

An der oberen Mauer des Friedhofes, wo der Blick hinaus auf die Moore und Wälder am schönsten ist, findet der Wanderer das Grab Anton Günthers. Man hätte keinen schöneren Flecken Erde für die letzte Ruhestädte des bekannten Heimatdichters und Sängers, der sein Gottesgab und sein Erzgebirge so sehr liebte, und der das einfache und bescheidene Leben der Erzgebirgler in seinen Texten beschrieb, wählen können. Die Grabplatte mit einem großen Kreuz versehen, ziert die Inschrift der ersten Zeile seines wohl bekanntesten Liedes:

" `s is Feierohmd".

Etwas unterhalb des Grabes von Anton Günther findet man das Grab seiner Großmutter, dem geliebten "Großmütterle", die nach dem Tot seiner Mutter den Haushalt führte, und mit der den Volksdichter ein besonders inniges Verhältnis verband.

 

 

 

 

 

 

Das erste Mal sind wir an einem schneereichen Wintertag auf Skiern über den nur im Winter geöffneten Grenzübergang für Fußgänger am Deutschen Gehau nach Bozi Dar (Gottesgab) herüber gewandert. Eisiger Wind blies uns die Eiskristalle ins Gesicht und hatte den Schnee zu meterhohen Wehen an der Friedhofsmauer am Rande des kleinen Städchens auf dem Erzgebirgskamm aufgetürmt. Die Schneewehen verwehrten zwar den Zugang, ermöglichten uns dafür einen Blick über die Mauer des Friedhofes, der in der friedvollen winterlichen Stille vor uns lag. Die alten eisernen Grabkreuze hoben sich in einmaliger Schönheit vom weißen Schnee ab.

Im Sommer aber sollte man den Friedhof unbedingt besuchen. Er ist ein Zeugnis einer Zeit, in der der größte Teil der Bevölkerung von Gottesgab deutscher Abstammung gewesen ist.
Viele der Gräber sind namentlich nicht mehr zu identifizieren. Dennoch schmücken auch sie noch schöne schmiedeeiserne Grabkreuze. Im Gegensatz zu anderen Friedhöfen in der Grenzregion des Erzgebirges ist der Gottesgaber Friedhof gut erhalten. 
Seine Lage an einem Abhang ermöglicht einen schönen Blick hinaus auf das weite flache Land des Erzgebirgskammes. Über die Hochmoore um Gottesgab schweift der Blick hinüber zum 
Spitzberg (Spizak), der den Fernblick begrenzt. Von dort kommt der nach Anton Günther benannte Wanderweg.
 

Anton Günther war im Jahre 1876 in eine sehr bewegte Zeit hineingeboren. Er kämpfte noch für die Österreichisch-Ungarische Monarchie, und erlebte nach dem ersten Weltkrieg ihren Untergang. Die Nationalisierung Tschechiens brachte mehr und mehr Repressalien und Probleme für die Deutsche Minderheit. Die Überquerung der Sächsisch-Böhmischen Grenze war seit Menschengedenken völlig problemlos. Jedoch wurde mit Gründung der Tschechoslowalischen Republik und erst recht nach der Machtergreifung Hitlers diese Grenze mehr und mehr zu einem Hindernis, daß auch Auftritte des Sängers im nahen Oberwiesental beeinträchtigte. Anton Günther empfand wohl als sensibler Mensch, was da herauf dämmerte, ohne das gesamte Ausmaß der kommenden Vertreibung auch nur zu erahnen. In Depressivität gefallen schied er 1937 freiwillig aus dem Leben. So blieb es dem von den Erzgebirglern so geliebten Lieddichter und Volkssänger erspart sein Gottesgab zu verlassen, und zu erleben, wie sich diese Grenze nach 1945 zunächst zu einer unüberwindlichen Demarkationslinie mit Stacheldraht verwandelte.

Nachdem die Deutsche Bevölkereung wie nach tschechischem Sprachgebrauch "ausgewiesen" worden war, wurde Bozi Dar dann zum Sperrgebiet, denn der Abbau des Urans begann. Nun wurde auch die Tschechische Bevölkerung ausgesiedelt. Heute liest man, daß  "... die Bevölkerung nicht bleiben mochte ..."

Von der Menschenvernichtung durch Strahlung, Folter und schlimmste Bedingeungen in den 18 Konzentrationslagern in den Wäldern zwischen Joachimsthal und Gottesgab (Bozi Dar) liest man nichts. Die Hölle von St. Joachimsthal (Jachymov) soll vergessen gemacht werden.

Heute erst, nach 50 Jahren kehrt die Normalität langsam wieder ein. Die Wunden, die der Uranbergbau hinterlies sind vernarbt. Die Grenze wird durchlässiger, wenn bisher auch nur an Stellen, wo das Vorteile für die Tschechische Seite brachte, so sind seit Beitritt der Tschechischen Republik zur EU viele Wanderübergänge an der "grünen Grenze" entstanden.. Jedoch wird es noch lange dauern, ehe diese Region wieder zu dem wird, was sie einmal war, eine Region ohne Grenzen in der Mitte Europas, in der die Vergangenheit bewältigt und aufgearbeitet werden konnte
Das was sie einmal für viele Menschen war wird sie nie wieder sein: Heimat. Die Kultur und die Traditionen, die sich über Jahrhunderte durch die Arbeit fleißiger Menschen entwickelt hatte wurde unwiederbringlich zerstört und hat eine menschenleere, teilweise heruntergekommene und entvölkerte Gegend hinterlassen über der man noch heute eine eigenartige Melancholie empfindet.

Mit der Vertreibung nach 1945 mußten viele Gottesgaber ihre Heimat verlassen. Viele sind in fremder Erde begraben. Für alle in der Fremde und auf diesem Friedhof begrabenen Gottesgaber bittet eine Inschrift auf einem schlichten Stein um den himmlischen Frieden. Eine Geste der Aussöhnung aber auch eine leise Mahnung für folgende Generationen:
Nicht den Worten von Politikern zu glauben, die auch heute wieder solches Tun mit markigen Worten im Wahlkampf rechtfertigen.

 

 

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