DIE HÖLLE VON JACHYMOV

DER ANTON-GÜNTHER-WEG - 60 KILOMETER  GRENZÜBERSCHREITEND WANDERN IN SACHSEN UND BÖHMEN

 

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Münze und Rathaus

 

königliche Bergstadt

 

historisches Relief - Bergknappe findet Silber

 

Tor zum Schacht

 

"Lageridylle" mit Stacheldraht und Wachturm

 

 

 

Traurige Berühmtheit mit 260 steilen Stufen:

Die Mauthausener Stiege von Jachymov erhielt ihren Namen in Anlehnung an die Stiege des

KZ Mauthausen.  An den Pfosten rechts und links war der Stacheldraht über der Stiege befestigt.

 

Lager der Täter in Nove Mesto - Sporthotel...

 

Einst Vorzeigeobjekt, das Haus des Bergarbeiters

 

Vietnamesenmarkt

 

Neoklassizismus im Stil der Fünfzigerjahre Bergarbeiterkulturhaus in Schlackenwert (Ostrov)

 

LETZTE AKTUALISIERUNG:   15.09.2012

© Wolfgang Trommer

 

Wann immer man von Gottesgab (Bozy Dar) nach St. Joachimsthal (Jachymov) gelangen wollte, die steile Südrampe des Erzgebirgskammes war zu bewältigen. Heute geschieht das über eine Serpentinenstraße mit engen Haarnadelkurven. Früher führte die Straße steil über diese Südrampe. Irgendwann tauchen dann tief unten im Gebirgstal die ersten Häuser auf, die im engen Tal die Straße säumen oder sich etwas weiter oben an die steilen Hänge des Gebirgstales der Wesenitz (Jàchymovsky Potok) anschmiegen.

Mit dem großen Berggeschrei einhergehend wurde Joachimsthal 1516 gegründet. Die Stadt war ab 1520 freie Bergstadt der Böhmischen Könige und war aus der Ortschaft Conradsgrün hervorgegangen. St. Joachimsthal sollte einen ebenso wohlklingenden Namen wie St. Annaberg im Sächsischen erhalten, da wäre der Name Conradsgrün wohl doch zu einfach gewesen.

Wohlhabend wurde der Ort durch seine reichen Silbererzvorkommen. St. Joachimsthal hatte einen entsprechenden schnellen Bevölkerungszuwachs zu verzeichnen.

Bereits 1519 wurden in der Münzstätte die ersten Münzen geprägt. Diese Münzen waren gern gesehenen Währung, hatte doch der Joachimsthaler einen sehr hohen Silbergehalt, der dieser Währung einen hohen Kurs einbrachte. Taler, Toler, Talor und Dollar - diese Währungsbezeichnungen haben ihren Ursprung in Joachimsthal. Als Dollar blieb diese Bezeichnung bis heute als gültige Währung erhalten.

Nicht nur schöne Zeiten hat die stolze Bergstadt erlebt. In Kriegen litt die Bevölkerung unter Einquartierungen. St Joachimsthal brannte - wie andere Städte - auch einmal komplett ab. Die Menschen standen im Bergbau in Lohn und Brot. Sie hatten ihr Auskommen aber reich wurden sie nicht und alt wurden sie auch nicht. Die harte Arbeit im Bergwerk und die sogenannte Bergkrankheit, von der man noch nicht die Ursache kannte ließ die Menschen nicht alt werden.

Das Radon war allgegenwärtig, es war in den Schächten und es fand seinen Weg in die Wohnhäuser der Menschen. Dann erkannte man die Heilwirkung des Radiums. Joachimsthal entwickelte sich zum ältesten Radium-Sol-Heilbad der Welt. Ende des 19. Jahrhunderts hielt sich Marie Curie in Joachimsthal zur Kur auf. Sie beschäftigte sich mit dem geheimnisvollen Stoff und entdeckte so das Radium, dessen bahnbrechende Entdeckung bis heute als die größte Entdeckung des letzten Jahrhunderts gewertet wird. Marie Curie erhielt für ihre Forschungsarbeit den Nobelpreis in Physik. Die radioaktive Strahlung konnte nun bewußt genutzt werden, leider nicht nur für friedliche Zwecke, wie sich bald herausstellen sollte.

Düstere Wolken zogen nach dem ersten Weltkrieg in der Mitte Europas auf. Die Menschen litten unter den Folgen dieses Krieges, den Krisen und Inflationen. Die Ordnung der alten K.und K.-Monarchie war nicht mehr. In den ehemaligen Kronländern dieses Vielvölkerreiches machte sich der Nationalismus breit. Auch in Joachimsthal kamen nach Jahrhunderten des Zusammenlebens der Sudetendeutschen und Tschechen die Menschen nun gar nicht mehr miteinander aus. Das Klima der Beziehungen zwischen den Menschen war durch den Nationalismus vergiftet.

Hitler gliederte das Sudetenland der Verwaltung des deutschen Reiches an. Nun hatten die Deutschen wieder mehr das Sagen. Doch im Zweiten Weltkrieg versank die alte Welt endgültig im Chaos. Die Amerikaner hatten nach der Drohung Hitlers mit der "Wunderwaffe" die Atombombe entwickelt und Stalin stimmt 1942 der Wiederaufnahme des Atombombenprogramms zu. Die Amerikaner zeigen mit dem Abwurf der ersten Atombomben im August 1945 auf Hiroshima und später auf Nakasaki wer die Weltherrschaft nun hat. Aber der alte georgische Fuchs Stalin steht im Mai 1945 mitten in Europa. War es nun Zufall oder scharfes Kalkül, daß er den Amerikanern die Uranvorkommen bei der Aufteilung Deutschlands abluchste, ist ungeklärt. Fakt ist, Stalin hatte hier in der Mitte Europas endlich alle Möglichkeiten an das begehrte Uran zu kommen, und das mußte so schnell wie nur immer möglich geschehen.

Willfährige Handlanger waren die Tschechen. Sie lieferten das Menschenmaterial, das sich aus Sudetendeutschen Gefangenen und Personal der Konzentrationslager zusammensetzte. Benesch, Vierlinger, Gottwald, Molotow und Stalin ratifizierten einen Geheimvertrag, der die Gründung eines Unternehmens zum Abbau von Uran vorsah. Gottesgab (Bozi Dar) und Joachimsthal (Jachymov) wurden militärisches Sperrgebiet. Bereits 1946 hatte man das erste Arbeitslager nach dem Vorbild der sowjetischen Gulags aus dem Boden gestampft. Insgesamt existierten 18 Lager. Die inneren Angelegenheiten der Lager entschieden die Sowjets. Die oberste Leitung hatte der berüchtigte Geheimdienstchef Beria. Die Tschechen waren dafür verantwortlich geflüchtete Gefangene in das Lager zurück zu führen und die in den Lagern im Einsatz befindlichen tschechischen Soldaten zu überwachen. Weil das Menschenmaterial nicht ausreichte transportierten die Sowjets aus ihren Kriegsgefangenenlagern eilends deutsche Kriegsgefangene in die Uranabbaugebiete. Die Ansiedlung von 50.000 Russen in den verlassenen Gebieten der Sudetendeutschen war von den Russen geplant, von der tschechischen Regierung jedoch abgelehnt worden.

Das geförderte Uran transportierte man eilends in die Sowjetunion, wo man fieberhaft die erste Atombombe entwickelte. 1949 war es dann soweit: mit dem Uran aus Joachimsthal, jetzt in Jachymov umbenannt, zündete die Sowjetunion in Semipalatinsk die erste Atombombe und wurde damit ebenfalls zur Atommacht. Der Kalte Krieg war in vollem Gange. Das menschliche Leben galt nichts.

In Jachymov herrschten für die Gefangenen die schlimmsten Bedingungen, die man sich nur vorstellen kann und das sowohl bei der Zwangsarbeit als auch in den Lagern. Die Lager dienten nicht nur der Förderung des begehrten Erzes, sie dienten der Vernichtung dieser Menschen. Die Vernichtung der Menschen resultierte aus den Erfahrungen in den sowjetischen Gulags Stalins als auch aus der Vernichtungsmaschinerie der KZ Hitlers. Sowohl die Kapos, die man von den ebenfalls in den Lagern inhaftierten KZ-Aufsehern zum Hohn der anderen Gefangenen rekrutierte, als auch das sowjetische Lagerpersonal ließen nichts aus um die Menschen mit übelsten Methoden zu quälen und zu foltern, wenn es sein mußte bis zum Tod oder besser bis zum Verrecken. Bewußt spare ich die Details der Vorkommnisse aus, denn ich gehe davon aus, das sich heute jeder etwas unter diesen Methoden vorstellen kann. Bis heute weiß keiner genau wie viele Menschen durch diese Hölle gegangen sind, wie viele die Lager um Jachymov nicht überlebten und wo die Menschen verscharrt wurden. Man spricht von 70.000 Gefangenen. Bisher sind lediglich 400 Todesfälle erforscht und bekannt. Die Unterlagen die Aufschluß geben würden, liegen angeblich in Moskauer Archiven.

Synonym für diese Verbrechen gegen das Völkerrecht und die Menschlichkeit, die bis heute nicht geahndet wurden, ist die sogenannte Mauthausener Stiege über die das Wasser für die Lager aus Jachymov transportiert werden mußte und über die die ausgemerkelten Häftlinge nach der schweren Grubenarbeit zum machmal dreistündigen Zählappell steil hinauf ins Lager stiegen. Wer in der Nähe von Ostrov (Schlackenwerth) in die Erzaufbereitung verbracht wurde war dem Tode binnen kürzester Zeit geweiht. Das Erz wurde in einem Turm ohne Technik zu faustgroßen Stücken zerkleinert. Die Häftlinge hatten keinerlei Schutzkleidung nicht einmal normale Handschuhe. Das Erz wurde ausgelesen und in Kisten verpackt eilends in die Sowjetunion verbracht. Die Häftlinge litten erbärmlich unter der Strahlung. Sie litten unter Ermüdung, Kopfschmerz und Appetitlosigkeit. Bald stellten sich Herzschmerzen ein und die Genitalien gingen unter höllischen Schmerzen kaputt. So wurden diese Menschen binnen kürzester Zeit vernichtet. Der Turm ist noch heute als Todesturm bekannt und soll eine Gedenkstätte werden.

Ostrov ist mit seinen großräumigen Plätzen und Gebäuden im Neoklassizismus der Fünfzigerjahre in Rekordzeit von Häftlingen aus dem Boden gestampft worden. Es wurde im Akkord gearbeitet, wer die Norm nicht schaffte bekam die Essensration gekürzt oder gestrichen, auch eine weitere Schicht ohne Verpflegung gehörte zu den Strafen. Wer immer noch nicht die Norm erfüllte hatte mit schlimmsten Folterungen "zur Besserung" zu rechnen. Entsprechend "zusammengeschustert" ist diese Bausubstanz. Diese Methoden wurden ebenso unter Tage im Schacht angewendet.

Die Zuständigkeit der Lager lag in den Händen des NKWD, der unmittelbar Beria zu berichten hatte. Die berüchtigte Einheit Kranich betrieb mit 3000 Leuten und 1000 Fachleuten die Lager und Minen.

Nachdem 1949 bis 1950 die Hölle von Jachymov für deutsche Häftlinge ein Ende hatte begann sie nun für die Tschechen. Unter Leitung des tschechischen Innenministeriums verschickten nun sogenannte Dreierkommissionen mißliebige Personen in die Zwangsarbeitslager und zwar ohne gesetzliche Grundlage. Es waren die üblichen Vergehen im Sozialismus, die manchmal nur herbeigeredet wurden, wenn die Person mißliebig war: also Republikflucht, negative Einstellung zum Staat, Arbeitsscheu, Feindsender, Ablehnung der Nationalisierung, Verwandte im Ausland und vieles mehr.

Dann übernahm das tschechische Justizministerium die Lager. Nun gab es Gesetze für die Bestrafung mit Arbeitslager. Der Aufenthalt im Arbeitslager war 2 Jahre.

1951 bis 1955 werden als die schlimmste Zeit in den Konzentrationslagern um Jachymov bezeichnet. Dann wurde das Uran aus Tschechien für die Sowjets uninteressant. Die Uranförderstätten in Sachsen und Thüringen hatten den tschechischen Förderstätten den Rang abgelaufen. 1962 wurden die Lager um Jachymov geschlossen. Noch heute kann man in den Wäldern über Joachimsthal die Spuren der Lager finden. Das Lager der Täter, also des russischen Geheimdienstes, ist heute trotz Protestes ehemaliger Häftlinge ein Hotelkomplex in Nove Mesto. Den Standort der Gruben verraten biblische Namen wie Adam, Ewa, Josefka, Barbora und Elias. An die Opfer erinnern Gedenksteine an der Kirche von Jachimov und schlichte Holzkreuze aus Baumstämmen und Reste der Lager, die von ehemaligen Lagerinsassen gepflegt werden.

Auf der deutschen Seite des Erzgebirges mußten die Russen nach Meuterei und Protesten in den Lagern Zugeständnisse machen, waren sie doch auf das Uran aus Sachsen angewiesen. Es gab nach und nach Vergünstigungen, die am Ende in der SDAG Wismut die Leute zu den bestbezahltesten der DDR machte. Ohne mutigen Wiederstand der Menschen in den sächsischen Lagern hätte es vielleicht die Erfolgsstorry der Wismut nie gegeben.

Und Joachimsthal, die königliche Bergstadt Böhmens? Sie tümpelt seit 1945 ihrer Bevölkerung beraubt vor sich hin. War die Stadt bis 1989 ziemlich heruntergekommen nimmt der Verfall auch weiterhin seinen Lauf. Neben den Tschechen leben hier angesiedelte Zigeuner und Vietnamesen. Letztere suchen mit ihren bizarren Märkten ihr Glück. Vietnamesische und russische Maffia haben aus dem Hintergrund die Oberhand. Die Prostitution war in den Jahren nach 1990 in der Stadt allgegenwärtig, verlagert sich aber jetzt durch die Grenzöffnung und die unbegrenzten Möglichkeiten der EU wohl mehr nach Sachsen. Wenigstens verstehen sich die Kinder der hier ansässigen Nationalitäten. Vielleicht ist das der Grundstein in eine friedlichere Zukunft dieser einst reichen Stadt. Es wäre der ehrwürdigen Bergstadt vergönnt.

Im Gegensatz dazu der Kurkomplex Jachymovs. Wer aus der Altstadt dorthin kommt wähnt sich in einer anderen Welt. Hierher kommt, wer es sich leisten kann. Vielleicht gehören die Täter dazu...

 

 

Neoklassizismus im Stil der Fünfzigerjahre in Amerika und anderswo.

Das neue Schlackenwert (Ostrov) erbaut von KZ-Häftlingen.

 

 

 
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