Wann
immer man von Gottesgab nach St. Joachimsthal
(Jachymov) gelangen wollte,
die steile Südrampe des Erzgebirgskammes
war zu bewältigen. Heute geschieht das über
eine Serpentinenstraße mit engen Haarnadelkurven.
Früher führte die Straße steil über diese
Südrampe. Irgendwann
tauchen dann tief unten im Gebirgstal die
ersten Häuser auf, die vorrangig die Straße
säumen oder sich etwas weiter oben an die
steilen Hänge des Gebirgstales der Wesenitz
(Jàchymovsky Potok) anschmiegen.
Mit
dem großen Berggeschrei einhergehend wurde
Joachimsthal 1516 gegründet. Die Stadt war
ab 1520 freie Bergstadt der Böhmischen Könige
und war aus der Ortschaft Conradsgrün hervorgegangen.
St. Joachimsthal sollte einen ebenso wohlklingenden
Namen wie St. Annaberg im Sächsischen erhalten,
da wäre der Name Conradsgrün wohl doch zu
einfach gewesen.
Wohlhabend
wurde der Ort durch seine reichen Silbererzvorkommen.
St. Joachimsthal hatte einen entsprechenden
schnellen Bevölkerungszuwachs zu verzeichnen.
Bereits
1519 wurden in der Münzstätte die ersten
Münzen geprägt. Diese Münzen waren gern
gesehenen Währung, hatte doch der Joachimsthaler
einen sehr hohen Silbergehalt, der dieser
Währung einen hohen Kurs einbrachte. Taler,
Toler, Talor und Dollar - diese Währungsbezeichnungen
haben ihren Ursprung in Joachimsthal. Als
Dollar blieb diese Bezeichnung bis heute
als gültige Währung erhalten.
Nicht
nur schöne Zeiten hat die stolze Bergstadt
erlebt. In Kriegen litt die Bevölkerung
unter Einquartierungen. St Joachimsthal
brannte - wie andere Städte - auch einmal komplett
ab. Die Menschen standen im Bergbau in Lohn
und Brot. Sie hatten ihr Auskommen aber
reich wurden sie nicht und alt wurden sie
auch nicht. Die harte Arbeit im Bergwerk
und die sogenannte Bergkrankheit, von der
man noch nicht die Ursache kannte ließ die
Menschen nicht alt werden.
Das
Radon war allgegenwärtig, es war in den
Schächten und es fand seinen Weg in die
Wohnhäuser der Menschen. Dann erkannte man
die Heilwirkung des Radiums. Joachimsthal
entwickelte sich zum ältesten Radium-Sol-Heilbad
der Welt. Ende des 19. Jahrhunderts hielt
sich Marie Curie in Joachimsthal zur Kur
auf. Sie beschäftigte sich mit dem geheimnisvollen
Stoff und entdeckte so das Radium, dessen
bahnbrechende Entdeckung bis heute als die
größte Entdeckung des letzten Jahrhunderts
gewertet wird. Marie Curie erhielt für ihre
Forschungsarbeit den Nobelpreis in Physik.
Die radioaktive Strahlung konnte nun bewußt
genutzt werden, leider nicht nur für friedliche
Zwecke, wie sich bald herausstellen sollte.
Düstere
Wolken zogen nach dem ersten Weltkrieg in
der Mitte Europas auf. Die Menschen litten
unter den Folgen dieses Krieges, den Krisen
und Inflationen. Die Ordnung der alten K.und
K.-Monarchie war nicht mehr. In den ehemaligen
Kronländern dieses Vielvölkerreiches machte
sich der Nationalismus breit. Auch in Joachimsthal
kamen nach Jahrhunderten des Zusammenlebens
der Sudetendeutschen und Tschechen die Menschen
nun gar nicht mehr miteinander aus. Das
Klima der Beziehungen zwischen den Menschen
war durch den Nationalismus vergiftet.
Hitler
gliederte das Sudetenland der Verwaltung
des deutschen Reiches an. Nun hatten die
Deutschen wieder mehr das Sagen. Doch im
Zweiten Weltkrieg versank die alte Welt
endgültig im Chaos. Die Amerikaner hatten
nach der Drohung Hitlers mit der "Wunderwaffe"
die Atombombe entwickelt und Stalin stimmt
1942 der Wiederaufnahme des Atombombenprogramms
zu. Die Amerikaner zeigen mit dem Abwurf
der ersten Atombomben im August 1945 auf
Hiroshima und später auf Nakasaki wer die Weltherrschaft
nun hat. Aber der alte georgische Fuchs
Stalin steht im Mai 1945 mitten in Europa.
Ob es nun Zufall war oder ob es scharfes
Kalkül war, daß er den Amerikanern die Uranvorkommen
bei der Aufteilung Deutschlands abluchste, ist
ungeklärt. Fakt ist, Stalin hatte hier in
der Mitte Europas endlich alle Möglichkeiten
an das begehrte Uran zu kommen, und das
mußte so schnell wie nur immer möglich geschehen.
Willfährige
Handlanger waren die Tschechen. Sie lieferten
das Menschenmaterial, das sich aus Sudetendeutschen
Gefangenen und Personal der Konzentrationslager
zusammensetzte. Benesch, Vierlinger, Gottwald,
Molotow und Stalin ratifizierten einen Geheimvertrag,
der die Gründung eines Unternehmens zum
Abbau von Uran vorsah. Gottesgab (Bozi Dar)
und Joachimsthal (Jachymov) wurden militärisches
Sperrgebiet. Bereits 1946 hatte man das
erste Arbeitslager nach dem Vorbild der
sowjetischen Gulags aus dem Boden gestampft.
Insgesamt existierten 18 Lager. Die inneren
Angelegenheiten der Lager entschieden die
Sowjets. Die oberste Leitung hatte der berüchtigte
Geheimdienstchef Beria. Die Tschechen waren
dafür verantwortlich geflüchtete Gefangene
in das Lager zurück zu führen und die in
den Lagern im Einsatz befindlichen tschechischen
Soldaten zu überwachen. Weil das Menschenmaterial
nicht ausreichte transportierten die Sowjets
aus ihren Kriegsgefangenenlagern eilends
deutsche Kriegsgefangene in die Uranabbaugebiete.
Die Ansiedlung von 50.000 Russen in den
verlassenen Gebieten der Sudetendeutschen
war von den Russen geplant, von der tschechischen
Regierung jedoch abgelehnt worden.
Das
geförderte Uran transportierte man eilends
in die Sowjetunion, wo man fieberhaft die
erste Atombombe entwickelte. 1949 war es
dann soweit: mit dem Uran aus Joachimsthal,
jetzt in Jachymov umbenannt, zündete die
Sowjetunion in Semipalatinsk die erste Atombombe
und wurde damit ebenfalls zur Atommacht.
Der Kalte Krieg war in vollem Gange. Das
menschliche Leben galt nichts.
In
Jachymov herrschten für die Gefangenen die
schlimmsten Bedingungen, die man sich nur
vorstellen kann und das sowohl bei der Zwangsarbeit
als auch in den Lagern. Die Lager dienten
nicht nur der Förderung des begehrten Erzes,
sie dienten der Vernichtung dieser Menschen.
Die Vernichtung der Menschen resultierte
aus den Erfahrungen in den sowjetischen
Gulags Stalins als auch aus der Vernichtungsmaschinerie
der KZ Hitlers. Sowohl die Kapos, die man
von den ebenfalls in den Lagern inhaftierten KZ-Aufsehern
zum Hohn der anderen Gefangenen rekrutierte,
als auch das sowjetische Lagerpersonal ließen
nichts aus um die Menschen mit übelsten
Methoden zu quälen und zu foltern, wenn
es sein mußte bis zum Tod oder besser bis
zum
Verrecken. Bewußt spare ich die Details
der Vorkommnisse aus, denn ich gehe davon
aus, das sich heute jeder etwas unter diesen
Methoden vorstellen kann. Bis heute weiß keiner genau wie
viele Menschen durch diese Hölle gegangen
sind, wie viele die Lager um Jachymov nicht
überlebten und wo die Menschen verscharrt
wurden. Man spricht von 70.000 Gefangenen.
Bisher sind lediglich 400 Todesfälle erforscht
und bekannt. Die Unterlagen die Aufschluß
geben würden, liegen angeblich in Moskauer
Archiven.
Synonym
für diese Verbrechen gegen das Völkerrecht
und die Menschlichkeit, die bis heute nicht
geahndet wurden, ist die sogenannte Mauthausener
Stiege über die das Wasser für die Lager
aus Jachymov transportiert werden mußte
und über die die ausgemerkelten Häftlinge
nach der schweren Grubenarbeit zum machmal
dreistündigen Zählappell steil hinauf ins
Lager stiegen. Wer in der Nähe von Ostrov
(Schlackenwerth) in die Erzaufbereitung
verbracht wurde war dem Tode binnen kürzester
Zeit geweiht. Das Erz wurde in einem Turm
ohne Technik zu faustgroßen Stücken zerkleinert.
Die Häftlinge hatten keinerlei Schutzkleidung
nicht einmal normale Handschuhe. Das Erz
wurde ausgelesen und in Kisten verpackt
eilends in die Sowjetunion verbracht. Die
Häftlinge litten erbärmlich unter der Strahlung.
Sie litten unter Ermüdung, Kopfschmerz und
Appetitlosigkeit. Bald stellten sich Herzschmerzen
ein und die Genitalien gingen unter höllischen
Schmerzen kaputt. So wurden diese Menschen
binnen kürzester Zeit vernichtet. Der Turm
ist noch heute als Todesturm bekannt und
soll eine Gedenkstätte werden.
Ostrov
ist mit seinen großräumigen Plätzen und
Gebäuden im Neoklassizismus der Fünfzigerjahre in Rekordzeit von Häftlingen aus dem
Boden gestampft worden. Es wurde im Akkord
gearbeitet, wer die Norm nicht schaffte
bekam die Essensration gekürzt oder gestrichen,
auch eine weitere Schicht ohne Verpflegung
gehörte zu den Strafen. Wer immer noch nicht
die Norm erfüllte hatte mit schlimmsten
Folterungen "zur Besserung" zu
rechnen. Entsprechend "zusammengeschustert"
ist diese Bausubstanz. Diese Methoden wurden
ebenso unter Tage im Schacht angewendet.
Die
Zuständigkeit der Lager lag in den Händen
des NKWD, der unmittelbar Beria zu berichten
hatte. Die berüchtigte Einheit Kranich betrieb
mit 3000 Leuten und 1000 Fachleuten die
Lager und Minen.
Nachdem
1949 bis 1950 die Hölle von Jachymov für
deutsche Häftlinge ein Ende hatte begann
sie nun für die Tschechen. Unter Leitung
des tschechischen Innenministeriums verschickten nun
sogenannte Dreierkommissionen mißliebige
Personen in die Zwangsarbeitslager und zwar
ohne gesetzliche Grundlage. Es waren die
üblichen Vergehen im Sozialismus, die manchmal
nur herbeigeredet wurden, wenn die Person
mißliebig war: also Republikflucht, negative
Einstellung zum Staat, Arbeitsscheu, Feindsender,
Ablehnung der Nationalisierung, Verwandte im Ausland und vieles mehr.
Dann
übernahm das tschechische Justizministerium
die Lager. Nun gab es Gesetze für die Bestrafung
mit Arbeitslager. Der Aufenthalt im Arbeitslager
war 2 Jahre.
1951
bis 1955 werden als die schlimmste
Zeit in den Konzentrationslagern um Jachymov
bezeichnet. Dann wurde das Uran aus Tschechien
für die Sowjets uninteressant. Die Uranförderstätten
in Sachsen und Thüringen hatten den tschechischen
Förderstätten den Rang abgelaufen. 1962
wurden die Lager um Jachymov geschlossen.
Noch heute kann man in den Wäldern über
Joachimsthal die Spuren der Lager finden.
Das Lager der Täter, also des russischen
Geheimdienstes, ist heute trotz Protestes
ehemaliger Häftlinge ein Hotelkomplex in
Nove Mesto. Den Standort der Gruben verraten
biblische Namen wie Adam, Ewa, Josefka, Barbora
und Elias. An die Opfer erinnern Gedenksteine
an der Kirche von Jachimov und schlichte
Holzkreuze aus Baumstämmen und Reste der
Lager, die von ehemaligen Lagerinsassen
gepflegt werden.
Auf
der deutschen Seite des Erzgebirges mußten
die Russen nach Meuterei und Protesten in den Lagern
Zugeständnisse machen, waren sie doch auf
das Uran aus Sachsen angewiesen. Es gab nach und nach
Vergünstigungen, die am Ende in der SDAG
Wismut die Leute zu den bestbezahltesten
der DDR machte. Ohne mutigen Wiederstand
der Menschen in den sächsischen Lagern hätte
es vielleicht die Erfolgsstorry der Wismut
nie gegeben.
Und
Joachimsthal, die königliche Bergstadt Böhmens?
Sie tümpelt seit 1945 ihrer Bevölkerung
beraubt vor sich hin. War die Stadt bis
1989 ziemlich heruntergekommen nimmt der
Verfall auch weiterhin seinen Lauf. Neben
den Tschechen leben hier angesiedelte Zigeuner
und Vietnamesen. Letztere suchen mit
ihren bizarren Märkten ihr Glück. Vietnamesische
und russische Maffia haben aus dem Hintergrund
die Oberhand. Die Prostitution war in den
Jahren nach 1990 in der Stadt allgegenwärtig,
verlagert sich aber jetzt durch die Grenzöffnung
und die unbegrenzten Möglichkeiten der EU
wohl mehr nach Sachsen. Wenigstens verstehen
sich die Kinder der hier ansässigen Nationalitäten.
Vielleicht ist das der Grundstein in eine
friedlichere Zukunft dieser einst reichen
Stadt. Es wäre der ehrwürdigen Bergstadt
vergönnt.
Im
Gegensatz dazu der Kurkomplex Jachymovs.
Wer aus der Altstadt dorthin kommt wähnt
sich in einer anderen Welt. Hierher kommt,
wer es sich leisten kann. Vielleicht gehören
die Täter dazu...
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Neoklassizismus
im Stil der Fünfzigerjahre
in Amerika und anderswo.
Das
neue Schlackenwert (Ostrov)
erbaut von KZ-Häftlingen.
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