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25. Literaturforum in Lößnitz (Erzgebirge)

Das Enkel des Erzgebirgssängers Anton Günther seine Kindheitserinnerungen und das Leid der Nachkriegsjahre.

Es ist ein regnerischer Nachmittag an dem graue Regenwolken tief über der kleinen Erzgebirgsstadt Lößnitz liegen. Doch die Klänge der Lieder des Erzgebirgssängers Anton Günther werden vom Klockenspiel über die Dächer der Stadt getragen. Die Glockenklänge hellen den tristen Regennachmittag etwas auf. Sie stimmen ein auf das Thema des Literaturforums im Bürgerhaus der Stadt Lößnitz. Als 25. Veranstaltung kann sie keinem anderen als dem hoch geehrten Liedersänger und Dichter des Erzgebirges gewidmet sein. Wie überall im Erzgebirge aber auch im deutschsprachigen Raum Europas sind die Lieder Anton Günthers bekannt, noch immer aktuell und beliebt unter den Menschen. Seine Lieder haben auch heute nichts von ihrer Heimatliebe aber auch den hinterfragten menschlichen und politischen Problemen in der Gesellschaft eingebüßt. Sie sind so aktuell wie damals auch und treffen immer noch zu.

Anton Günther konnte Ende der Dreißigerjahre zur Weihe des Glockenspiels nicht nach Lößnitz kommen. Deshalb freuten sich die Lößnitzer, daß an diesem Tag Anton Günther Lehmann das Enkel des Erzgebirgsdichters der Einladung gefolgt war. Ebenso groß war die Resonanz der Besucher des Vortrags. Der Saal füllte sich zusehends und war mit ca. 80 bis 100 Menschen voll besetzt. Nicht der Erzgebirgssänger Anton Günther sondern seine Ehefrau Maria Günther geborene Zettl sollte im Mittelpunkt des Vortrages stehen. Gerade sie war es, die zu Hause in Gottesgab die Geschicke der bescheidenen Landwirtschaft und den Haushalt mit drei Kindern zu bewältigen hatte, während ihr Mann als bekannter Sänger häufig lange unterwegs war.

Die Tochter Anton Günthers hatte ins "Neue Haus" eingeheiratet. Anton Günther Lehmann wurde im Neuen Haus in Oberwiesenthal geboren und sollte unfreiwillig Zeuge der Nachkriegswirren werden, die auch seine Familie in tragischer Weise trafen. Anton Günther Lehmann betonte ausdrücklich, daß es vielen Menschen ebenso ergangen war wie seiner Familie, manchen sogar noch viel schlimmer. Bewegt berichtete er wie die Flüchtlingstrecks über die Grenze kamen. Keiner wußte am Anfang was da geschah doch dann wurde es Gewißheit und man hörte von schrecklichen Begebenheiten. Eigentlich war der Vortragende noch im Kleinkindesalter, doch an den nebligen Abend oben am Erzgebirgskamm kann er sich noch ganz genau erinnern, als die Familie auf die Großmutter wartete, die nun auch aus Gottesgab kommen mußte. Alle waren froh, als im Nebel die alte Frau auftauchte. Keiner hatte ihr beim Transport der wenigen Habseligkeiten helfen können, die sie auf einem Handwagen mitnehmen konnte. Endlich war sie da, seine geliebte "Omam", wie er sie immer wieder liebevoll nannte. Sie war für ihn Bezugsperson, denn in der Abgeschiedenheit um das neue Haus gab es keine gleichaltrigen Spielgefährten.

Die geliebte "Omam" hoffte sehr noch einmal nach Gottesgab zu können, daß in Bozí Dar umbenannt worden war. Manchmal schaute sie gemeinsam mit dem Buben heimlich hinab auf ihre alte Heimat und weinte, denn dort befindet sich das Grab des geliebten Mannes – unerreichbar fern. Doch dieser Wunsch sollte sich nicht mehr erfüllen, es sollte noch viel schlimmer kommen. Das Berggasthaus "Neues Haus" lag im Sperrgebiet der Grenze. Anfangs wurden Bergleute einquartiert, die teilweise in der Gaststube auf Stroh schliefen. Im deutschen Grenzhaus hatten die Russen ihren Posten bezogen und so wurde das "Neue Haus" von der deutschen Grenzpolizei zwangsenteignet. Die Familie Günther Lehmann mußte erst in die Kutscherstube, dann nach Oberwiesenthal in beengte Verhältnisse ziehen. Als Familienmitglieder ihr Glück im Westen suchten kam die Angst vor erneuten Repressalien. Die Lieder Anton Günthers waren verboten und man vernichtete nun viele Dokumente.

Als die Großmutter 1958 starb hatte sie Gottesgab und das Grab ihres Mannes nicht wieder besucht. Das Feierabendlied ihres geliebten Mannes durfte nicht am Grab erklingen. Aber die zum Begräbnis angereisten Geschwister Caldarelli fanden doch eine Möglichkeit das Lied zu singen...

Ihr Enkel Anton Günther Lehmann sollte erst Anfang der Sechzigerjahre Gottesgab besuchen können.

Tief bewegt schilderte Anton Günther Lehmann seine Erlebnisse aus jener Zeit.

Wenn er sich zwischendurch im Vortrag ein Lied seines Großvaters wünschte, das dann durch den Zitherspieler Winfried Stettinius aus Aue vorzüglich auf dem Instrument vorgetragen wurde, stimmte leise so manche der in den Singegruppen des Erzgebirges geübte Stimme mit ein. Als zum Abschluß dann das Feierabendlied erklang wurde manches Auge feucht und Anton Günther Lehmann konnte nur mühsam seine Emotionen unterdrücken. Der Vortrag war für alle Anwesenden außerordentlich tief bewegend.

Der Erlös des Abends wird zur finanziellen Unterstützung des Liedersingens zu Ehren Anton Günthers am 5. Juni 2010 in der Kirche St. Anna in Bozí Dar (Gottesgab) verwendet.